Arbeitskreis trauernde Eltern und Geschwister

in Baden-Württemberg

Geschwistertrauer / Kindertrauer (Thomas Bäumer)

„Mich hat eigentlich niemand direkt auf den Tod meiner Schwester angesprochen.“

Neben den Eltern sind es vor allem die hinterbliebenen Geschwisterkinder, die den Tod der Schwester oder des Bruders mit voller Wucht zu spüren bekommen. Sie können und wollen es häufig lange Zeit nicht wirklich wahrhaben, dass ihre ältere Schwester oder ihr jüngerer Bruder nicht mehr am Leben ist. Obwohl nie explizit darüber gesprochen wurde, war das in ihrem Lebensplan nicht vorgesehen. Wie sollen sie damit umgehen? Mit wem können sie darüber sprechen? Sollen sie überhaupt mit jemandem darüber sprechen?....

Das Thema in den betroffenen Familien ist „Verunsicherung“. Kindern und Jugendlichen ist sehr schnell klar, dass dieser Verlust ihr Leben verändert hat und sie weiterhin beeinflussen wird. Nur direkt zu benennen ist diese Beeinflussung nicht. Sie ist unkonkret und diffus, aber sie ist zu spüren. Überall! Sie entdecken diese Verunsicherung bei den Eltern, den Großeltern, den Verwandten und Nachbarn, sie steht ihnen allen ins Gesicht geschrieben. Den Kinder und Jugendlichen wird schnell klar, dass dieses Verlusterlebnis mächtig ist. Denn nicht einmal ihre Eltern, die sonst eigentlich immer Rat wissen, vermitteln ihnen hier den Eindruck als hätten sie den Überblick, wüssten wie es weitergeht oder könnten ihnen Trost spenden.

Wie sollen Kinder oder Jugendliche aber mit dieser kollektiven Verunsicherung und Ohnmacht umgehen?

Je nach Alter und Veranlagung werden sie diese Frage ganz unterschiedlich beantworten: Darüber sprechen oder schweigen, Rituale entwickeln oder eher erstarren, sich selber auf den Weg machen oder auf das Signal anderer warten, sich ihre Fragen selber beantworten oder sich das nicht alleine zutrauen, innere Hoffnungsbilder entwickeln oder gegenüber dieser Ohnmacht kapitulieren.....

Was sie alle tun? Sie beobachten ihre Umwelt und die Menschen an ihrer Seite!

Das ist unsere Chance!
Die Chance der Eltern, sich mit ihnen auf den Weg zu machen!
Die Chance der Großeltern, ihnen von früher und ihren Erfahrungen zu erzählen und ihnen Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln!
Die Chance der Verwandten, mit ihnen über Erlebnisse mit dem verstorbenen Geschwister zu reden!
Die Chance der Lehrer, Gruppenleiter, Pfarrer, und anderer, ihnen mitzuteilen, dass es ihnen Leid tut und das sie offen für ein Gespräch sind!
Die Chance für alle anderen Beteiligten, ihnen Gefühle der eigenen Betroffenheit mitzuteilen!

Dann erkennen trauernde Kinder, dass sie nicht alleine da stehen mit diesem Verlust.
Dass dieses traumatische Erlebnis offen ausgesprochen wird.
Dass alle betroffen sind und mitfühlen.
Und dass sich viele andere mit ihnen auf den Weg machen.

Das ist eine gute Medizin gegen Verunsicherung und Ohnmacht!

Thomas Bäumer / systemischer Therapeut

Hinweis für ATEG-Mitglieder: Im internen Bereich finden Sie Notizen zum Vortrag von Thomas Bäumer am 7.2.2007 in Göppingen über „Geschwistertrauer“